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Gedanken zur Jahreslosung 2011 - Römerbrief 12,21

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'Der gute Samariter', 1890, Vincent van Gogh

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

(Römerbrief 12,21)

Wie reagiert man am besten auf das Böse? Eine alte Regel besagt: „Wie du mir, so ich dir“. In der Bibel steht das ganz ähnlich: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ (2. Mos 21,24). Oder wenn Jesus sagt: „Mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen“ (Lk 6,38). Und grundsätzlich gilt die Regel Jesu aus der Bergpredigt: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch“ (Mth 7,12). Wie du mir, so ich dir. Das würde bedeuten: Wenn mir jemand Böses tut, bekommt er es zurück. Diesen ganz normalen Schlagabtausch kann man auf jedem Schulhof beobachten. Und nicht selten heißt es: Wie du mir, so ich dir doppelt und dreifach. Dann schaukelt sich der Konflikt hoch, die Fronten verhärten sich und es gibt nie Ruhe und Frieden.

Manchmal hat man damit auch Erfolg. Der spanische General und Diktator Narváez wurde auf dem Totenbett von seinem Beichtvater aufgefordert, allen seinen Feinden zu vergeben. Er antwortete: „Hochwürdiger Vater, ich habe keine Feinde. Ich habe sie alle umbringen lassen“. Auf diese Weise kann man das Böse überwinden: Mit Gewalt. Das Problem dabei ist: Man hat den Bösen gleich mit überwunden. Nun könnte man natürlich sagen: Macht nichts. Einer weniger. Wer braucht schon Feinde? Nur ein toter Feind ist ein guter Feind. Doch genau das ist nicht im Sinne Gottes.

Gott hasst zwar das Böse, aber er liebt böse Menschen. Nicht weil sie böse sind, sondern weil sie Menschen sind. Menschen, die Gott geschaffen hat und die er vom Bösen erlösen will. Gott sieht die Möglichkeit, böse in gute Menschen zu verwandeln. Kein Mensch ist so böse, dass er durch Gottes Gnade und Liebe nicht gut werden könnte. Die Chance zu einer grundlegenden Lebensänderung ist da. Jesus sagt das so: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe“ (Mth 4,17 – der Monatsspruch für Dezember). Ändert Euer Leben, denn Gott ist nahe.

Der Verfasser des Römerbriefes ist dafür das beste Beispiel. Aus einem Christenverfolger wurde ein Apostel Jesu Christi. Vom Saulus zum Paulus. Diese Wandlung war das Ergebnis einer persönlichen Gotteserfahrung, einer Begegnung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus vor Damaskus. Darum schreibt Paulus im Römerbrief einige Kapitel vorher: „wir sind mit Gott versöhnt worden durch den Tod seines Sohnes als wir noch Feinde waren“. Paulus weiß aus 05 eigener Erfahrung, was es heißt, ein Feind Gottes zu sein. Und er weiß, was es heißt durch Gottes Liebe aus einem Feind zu einem Freund zu werden.

Der russische Schriftsteller Dostojewski hat gesagt: „Einen Menschen lieben, heißt ihn so zu sehen wie Gott ihn gemeint hat“. Und wie hat Gott den Menschen gemeint? Als sein Ebenbild, als ein Geschöpf, das als ein persönliches Gegenüber seines Schöpfers existiert und ihm und den anderen Geschöpfen in Liebe verbunden ist. Wer den Menschen so sieht, entdeckt auch dort noch Verbindendes zwischen Menschen, wo gemeinsame Interessen und Überzeugungen, wo sogar Sympathie und Mitleid fehlen – und wird sich dementsprechend für die Überwindung der Gegensätze zwischen den Menschen einsetzen.

So hat sich Jesus das auch in der Bergpredigt gedacht als er seine Jünger zur Feindesliebe aufrief: die andere Backe hinhalten und zum Rock auch noch den Mantel geben (Mth 5,38 – 44), auf die Durchsetzung der eigenen Interessen einfach mal verzichten - auch wenn es sehr schwer fällt. Das sind ungewohnte und überraschende Verhaltensweisen. Niemand rechnet damit. Ein solches Verhalten kann irritieren und verblüffen und so verhärtete Fronten auflösen.

So ähnlich funktioniert Feindesliebe oder wie Paulus hier schreibt: Böses mit Gutem vergelten. Man tut etwas paradoxes, scheinbar widersinniges, unerwartetes, das neue Perspektiven und Verhaltensweisen eröffnet. Ein Feind verhält sich unerwartet wie ein Freund. Er lässt den anderen einfach nicht als Feind gelten.

Im Gleichnis trifft der barmherzige Samariter auf einen ausgeraubten und schwer verletzten Juden, einen Feind also. Er könnte ihn einfach liegen lassen oder gleich umbringen. Das wäre normal. Doch er hilft ihm überraschenderweise und lässt sich die Hilfe sogar etwas kosten. Was wird passieren, wenn die beiden sich wieder treffen? Sind sie dann noch Feinde? Oder können sie durch die erwiesene Barmherzigkeit, zu Freunden werden? Wenn das gelingt, dann werden aus Feinden Freunde, aus bösen Menschen gute Menschen. Und wir bezeugen so die Liebe Gottes, der uns mit sich versöhnt hat als wir noch seine Feinde waren. Wir handeln nicht länger nach dem Grundsatz: Wie du mir, so ich dir. Für uns als Christen gilt: Wie Gott mir, so ich dir. Das hilft gegen die Verstrickung in Hass und Rachephantasien, die das Leben vergiften. Und es eröffnet die Möglichkeit eines neuen Miteinanders: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Pfarrer Jürgen Seidl

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Das Bild 'Der gute Samariter', 1890, Vincent van Gogh, und dessen Reproduktion gehört weltweit zum "public domain". Das Bild ist Teil einer Reproduktions-Sammlung, die von The Yorck Project zusammengestellt wurde. Das copyright dieser Zusammenstellung liegt bei der Zenodot Verlagsgesellschaft mbH und ist unter GNU Free Documentation lizensiert.

Das Gemälde 'The Adoration of the Shepherds', 1504-1505, Albrecht Dürer, ist im public domain, weil sein copyright abgelaufen ist.